Alle Jahre wieder – die schlimmste Zeit des Jahres

Willkommen in der schlimmsten Zeit des Jahres. Es ist Weihnachten. Die Zeit, in der glückliche Paare bei Kerzenschein kuscheln. Wo alle in ihrer heilen Welt beisammen sind. Romantische Zeiten. Zweisamkeit. Hand in Hand. Mit dem Traummann an deiner Seite …

Ich hasse diese Zeit, denn sie sagt uns Singlefrauen, dass wir arme Schweine sind. Alleine. Mit einem Glühwein in der Hand vor dem geschmückten Baum. Das selbst bestellte Geschenk in der Hand. Tränen in den Augen. Und die Familie fragt, wann denn mal ein Mann mitgebracht wird. Der Rest sitzt dort mit dem Traumprinzen. Ein Strahlen in den Augen. Es ist die Zeit des Jahres, die uns zeigt, wie alleine wir sind. Und wie weh das tun kann! Die Zeit, in der sich der Schmerz und die Verzweiflung eines ganzen Jahres auf einmal entladen. Die Zeit, in der alleine zu sein zur härtesten Prüfung wird.

Gestern war ich zusammen mit Freunden. Guten Freunden. Es ist so wichtig, gute Freunde zu haben. Denn sie können dir jederzeit das Gefühl geben, dass du nicht alleine bist. Diese Erfahrung habe ich mehr als nur einmal gemacht. Freunde können dich aus einem tiefen Loch holen. Dir ein Lächeln schenken. Und alles, was trist und einsam schien, erstrahlt plötzlich in einem anderen Licht. Aber heute habe ich mich alleine gefühlt. Nicht nur das – ich habe mich einsam gefühlt. Und an jeder Ecke habe ich mir gewünscht, er würde vor mir stehen. Er. Dieser eine ganz besondere Mann.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum ich noch niemals eine Beziehung hatte. Warum ich nicht mal die ernsthafte Möglichkeit dazu bekommen habe. Was bitte will mein Leben mir damit sagen? Ist es die große Rache? Aber wofür? Was bitte habe ich getan? Ich sehe keinen Sinn darin. Es kommt mir vor wie eine große Prüfung. Aber wozu? Und wie soll ich jemals den Richtigen finden, wenn ich nie eine Beziehung führen darf? Wie soll ich wissen, wer zu mir passt, wenn ich es nie testen kann?

Auf der anderen Seite: Wer sich mit Anfang dreißig trennt, ist auch nicht viel weiter als ich jetzt. Du kannst jederzeit den Richtigen treffen. Oder auch nicht. Da kommt es auf Erfahrung nicht an. Dann ist alles, was zählt, der Moment. Ich war noch nie der Typ für Affären und One-Night-Stands. Ich weiß nicht, was mir das bringen soll. Ernsthaft! Ich kann mir nicht mal vorstellen, dass es mich in irgendeiner Art und Weise befriedigen würde. Ich wünsche mir echte Gefühle. Und echtes Herzklopfen. Und in dieser ganzen Weihnachts-Heile-Welt-Kuschel-Stimmung wird alles irgendwie nur noch intensiver. Wird die Sehnsucht größer. Das Verlangen! Der Wunsch, nicht mehr alleine zu sein! Man merkt, dass wieder ein Jahr vergangen ist. Ein einsames Jahr. Ein Jahr ohne die wahre Liebe.

Es ist beschissen, immer alleine zu sein! Das kann ich euch sagen! Man wacht alleine auf. Man geht alleine schlafen. Sitzt alleine vor dem Fernseher. Man trifft alle Entscheidungen alleine. Was gibt’s zu essen? Wann gehe ich schlafen? Was mache ich am Wochenende? Das ist anstrengend. Körperlich. Und vor allem emotional! Ich sage nicht, dass ich unglücklich bin. Ich liebe mein Leben. Aber man kann glücklich sein. Zufrieden. Das Leben lieben. Und doch einsam sein! Ja, das kann man! Und wer jetzt lacht oder mit dem Kopf schüttelt, hat keine Ahnung, wie man sich fühlt, wenn man einsam ist.

Hör auf zu suchen!
Es passiert immer dann, wenn du es am wenigsten erwartest!
Du findest schon noch deinen Traumprinzen.

Sprüche, die ich schon seit Jahren nicht mehr hören kann. Meint ihr ernsthaft, dadurch wird irgendetwas besser? Ich will nicht mehr hören, wie toll ich bin. Es könnte langsam mal jemand ernsthaft so meinen! Ich suche schon lange nicht mehr! Ich bin schnell zu begeistern. Ja, das gebe ich zu. Ich sehe mich um in meiner Welt. Aber zum Henker noch mal, ich suche nicht mehr! Ich bin es leid, der Depp zu sein, der sich sinnlos in irgendeinen Mann verliebt. Ich bin es leid, den ersten Schritt zu machen. Meine Gefühle zu offenbaren. Nur um ein ums andere Mal auf die Fresse zu bekommen.

Es gab Zeiten, da habe ich nach ihm Ausschau gehalten. Nach dem perfekten Kerl. Ja, ich hatte Vorstellungen. Und sicher hab ich mich das ein oder andere Mal gegen eine Möglichkeit entschieden. Nur, weil derjenige nicht in mein Bild gepasst hat. Vielleicht habe ich mich dadurch um Chancen gebracht. Aber sind wir doch mal ehrlich. Wenn der Richtige dabei gewesen wäre, dann hätte mein Leben sich schon mal gemeldet, oder? Es schreit ja sonst bei jeder Gelegenheit „Nein Stopp!“ und wirft mir Steine in den Weg, damit ich andere Wege einschlagen muss.

Mit nun Ende zwanzig kann ich sagen: Ich scheiß auf dunkle Haare. Und auf schöne Augen. Ich scheiße sogar auf 1,80m. Ja, so oberflächlich läuft man lange durch sein Leben. Man dreht sich auf der Straße nach den eigens kreierten Stereotypen um. Lächelt in der Disco immer die falschen Kerle an. Verliebt sich in die Männer, die an blonde Schönheiten vergeben sind. Die kurz darauf heiraten und Kinder in die Welt setzen. Man sieht den potenziellen Freund in rasender Geschwindigkeit in diesem und jenem Bekannten. Man wagt den ersten Schritt und wird direkt enttäuscht. Immer und immer wieder. Man sucht nicht wirklich – aber man kann es irgendwie auch nicht lassen. Ob man will oder nicht. Es passiert doch ständig wieder. Und die Liste derer, die es niemals sein werden, wird länger und länger.

Bis man irgendwann zu verstehen beginnt. Ja, tatsächlich ist man irgendwann so weit, dass man aus seinen Fehlern lernt. Denn mit der Zeit wird man ja schlauer. Der Traumprinz ist keineswegs das, was wir in unseren Gedanken nachzeichnen. Natürlich nicht! Ja, wir haben Erwartungen, die möglichst erfüllt werden sollten. Wir wollen eine gute Wahl treffen. Und irgendwie auch jemanden finden, mit dem unsere Mitmenschen einverstanden sind. Etwas, was der Norm entspricht. Bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Unser Partner ist wie ein Statussymbol. Die Leute sollen gefälligst „wow“ sagen. „Das ist also ihr Freund. Toll! Der passt zu ihr. So einen Mann hätte ich auch gerne.“ Ist doch so? Wir suchen einen Partner fürs Leben. Aber doch auch eine Art Trophäe! Wir wollen stolz sein auf unseren Partner. Und genau dafür braucht es offenbar ein wenig emotionale Reife.

Denn worauf ist man denn stolz? Wann zeigt man seinen Partner in der Öffentlichkeit und es ist einem völlig egal, was die Leute denken, weil er in den eigenen Augen einfach perfekt ist? Lange Zeit sind wir sicher nicht mutig genug. Denn wir wollen ein möglichst unauffälliges Musterbild eines Freundes präsentieren. Und wenn wir von dieser Einstellung nicht loskommen … Wenn wir nicht erwachsen genug sind, die wahre Schönheit eines Menschen zu sehen … Wenn wir nicht merken, wie attraktiv ein toller Charakter sein kann … Dann werden wir nie erfahren, was es heißt, wirklich zu lieben. Und das ist doch der Fehler an der Sache! Denn durch unsere oberflächliche Einstellung verschließen wir die Augen, wenn die wahre Liebe wirklich vor uns steht. Denn das ist unter Umständen der mit den vielen Tattoos. Oder den wenigen Haaren. Der dir eigentlich zu klein ist. Oder zu alt. Oder alles auf einmal. Er passt nicht zu uns. Und was sagen die Leute? Was sagt die Familie? Ja, das ist uns wichtig. Aber wichtiger als das eigene Glück? Sollten wir nicht irgendwann lernen, mit dem Herzen zu sehen und nicht mit den Augen?

Mein Leben war offensichtlich so witzig und hat mir Männer bisher vorenthalten. Jetzt gibt es da einen. Und der ist definitiv nicht stereotypisch. Er entspricht nicht meinen Vorstellungen eines Traumprinzen. Er ist auch nicht das, was meine Familie sich vorstellt. Oder was die Gesellschaft sich so denkt. Auf der anderen Seite: Wir leben im 21. Jahrhundert. Frauen sind nicht mehr jünger als ihre Männer. Der Altersunterschied ist nicht mehr auf maximal zehn Jahre limitiert. Man kann Kinder noch mit weit über 40 bekommen. Und für Männer gibt es da ja sowieso keine Grenzen. Manchmal verhalten wir uns so, als hätten wir noch ein zweites Leben im Koffer. Haben wir aber nicht! Wir haben dieses eine Leben. Und wir haben es verdient, glücklich zu sein. Und dabei ist es vollkommen irrelevant, mit wem! Wir sollten zu unseren Gefühlen stehen. Mutig darum kämpfen, was wir wollen. Das Leben hat etwas mit uns vor. Es hat einen Plan. Auch wenn wir ihn nicht immer gleich durchschauen. Wir sollten darauf vertrauen, dass unsere Gefühle uns in die richtige Richtung führen. Und dafür kämpfen, zu keiner Zeit des Jahres mehr alleine zu sein. Nicht nur an Weihnachten …

Liz Witter stammt aus dem wunderschönen Mittelhessen. Hier ist sie zwar nicht allzu groß geworden, fühlt sich aber voll zu Hause. Wozu also die große weite Welt erkunden? Das Abenteuer kann auch vor der Haustüre warten. Ihr Leben ist grundsätzlich voller Gegensätze. Wenn sie nicht gerade lautstark ihren Schülern das Fürchten lehrt und mit einer kräftigen Prise Ironie und lautem Lachen auf sich aufmerksam macht, sitzt sie bei schöner Musik, einem guten Buch/Film mit einem Glas Wein in ihrer Wohnung und genießt die leisen Töne des Lebens. Sie kann kreativ und konservativ, je nachdem, was gerade passt. Ein guter Plan, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen haben noch niemandem geschadet. Stillstand ist Rückschritt, davon ist sie überzeugt. Am liebsten aber ist sie das, was sie am besten kann: Sie selbst!

Headerfoto: Girl with christmas tree via Shutterstock.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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7 Comments

  • Ich habe die Liebe auch mit 50 noch nicht gefunden, bzw. dachte ich es aber sie war ganz wo anders im Leben, viel zu jung auch noch, also sie war es nicht.

    Ich fürchte daß es dem Leben egal was wir glauben verdient zu haben.
    Das Leben schuldet uns nichts. Auch nicht die Liebe.
    Seid froh in diesem Frieden und Wirtschaftsschlaraffenland zu leben.
    Wenn auch alleine.

  • Wahr, aber…..das zeigt, dass noch viel zu tun ist. Denn es ist nur die Sichtweise auf die Dinge. Alleine sind wir nicht, wir haben uns, den einzigen Menschen, der immer bei uns ist, auf den wir uns immer verlassen können, der uns bedingungslos liebt. Daran gilt es also zu arbeiten. Denn nur wenn Du mit Dir alleine glücklich bist, ziehst Du den richtigen Partner an. Solange Du dies nicht bist, erwartest Du von Deinem Partner, dass er Dich glücklich macht, und das kann er nicht. Das Glück liegt in Dir, und NUR in Dir! Ich arbeite übrigens auch noch daran, und natürlich ist ein geliebter Mensch an der Seite wunderschön. Ich habe ihn auch noch nicht gefunden. Trotzdem fühle ich mich nicht einsam oder alleine. Frohe Weihnachten!

  • Schön mal wieder zu lesen, dass es da draußen genug Menschen gibt, denen es irgendwie ganz ähnlich geht wie einem selbst. 😉
    Obwohl ich dieses Jahr so gut wie nie durch die Weihnachtszeit gekommen bin und obwohl mein Bruder erstmals eine Freundin gefunden hat, spürt man in dieser Zeit natürlich am ehesten, dass man (Freunde und Familie mal nicht berücksichtigt) doch recht einsam ist. Insofern habe ich mich in deinen Worten, liebe Autorin, doch recht gut selbst wiedererkennen können.
    Ansprüche herunterschrauben kann schon helfen, allerdings muss man dann natürlich aufpassen, dass man dann nicht – wenn man dann dadurch doch mal jemanden gefunden hat – auf Dauer unzufrieden ist. Eine schwierige Gratwanderung…
    Kennst du den Film Love Alien (www.love-alien.de)? Fand ich ganz interessant.
    Viel Glück weiterhin!
    Steffen

    • Es geht ja gar nicht darum, Ansprüche herunter zu schrauben. Es geht vielmehr darum, von Oberflächlichkeiten weg zu kommen…auf sein Herz zu hören anstatt auf den eigenen Kopf. Es geht darum, mutig gegen alle Konventionen zu gehen. Sich selbst zu vertrauen…und das zu sein, was man ist.

      Und nein, den Film kenne ich (noch) nicht. Werde ich mir aber mal im Hinterkopf behalten. 😉

      Bleibt stark!

      • Ist das nicht dasselbe? Dass dein Partner dunkelhaarig und mind. 1,80 m groß sein soll ist ein Anspruch an den zukünftigen Partner. Und gleichzeitig ist es wohl auch oberflächlich. 🙂
        Konventionen sind mir eigentlich schon immer egal gewesen, somit hab‘ ich als eher unkonventioneller Mensch wenigstens damit kein Problem; ich hab‘ eher die Sorge, dass ich zu viel von mir aufgebe um zu einer potenziellen Partnerin zu passen. Ich tu‘ mich oft schwer damit einzuschätzen, ob die Schnittmenge an gemeinsamen Hobbies und Interessen ausreicht um langfristig mit einer Frau glücklich zu werden. Da sollte ich vielleicht weniger anspruchsvoll werden…andererseits hab‘ ich eben halt auch schon die Erfahrung gemacht, dass man dann mit den Monaten immer unzufriedener wird wenn man seine Wünsche zu sehr unterdrückt.
        Ja, behalt den Film mal im Hinterkopf – wundert mich, dass er um die Weihnachtszeit (vermutlich) nicht ausgestrahlt wurde auf irgendeinem Regionalsender; in diese Zeit passt er ja schließlich am besten, wie dein Artikel ja auch mal wieder zeigt. 🙂

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