Adoptiere einen Nicht-Wähler – ein Profikniff für mehr Demokratie

Ich könnte einen Text darüber schreiben, warum Wählen fundamental wichtig ist. Die Menschen dafür sensibilisieren, Demokratie sowie ihre Freiheiten nicht mit einer Selbstverständlichkeit zu verwechseln. Geschichte wiederholt sich gern.

International waren die letzten Monate eine Aneinanderreihung von verstörend-chaotischen Momenten. Ein Desaster als direktes Ergebnis mangelhafter Wahlbeteiligung: Demokratie stirbt in Dunkelheit, also öffne deine Augen.

Ich könnte auch einen persönlichen Text schreiben. Warum ich Wählen als Privileg empfinde. Ich bin als Kind politischer Flüchtlinge in Deutschland geboren. Krieg, Folter, Flucht und Verfolgung sind mir durch meine Familiengeschichte präsenter als meiner durchschnittlichen peer group. Die Deutsche Staatsbürgerschaft habe ich mir lange erkämpfen müssen, erst mit 22 Jahren erhalten.

International waren die letzten Monate eine Aneinanderreihung von verstörend-chaotischen Momenten. Ein Desaster als direktes Ergebnis mangelhafter Wahlbeteiligung.

Ein Grund mehr, warum ich das Recht, wählen zu dürfen, zutiefst schätze. Ein Grund mehr, weshalb ich nicht nachvollziehen kann, warum man von diesem Recht keinen Gebrauch macht. Das ist allerdings nicht, was ich sagen möchte. Oft stoße ich mich an etwas. Einerseits empfinde ich die Initiativen, die ich sehe, zur Stärkung der Demokratie und der Wahlbeteiligung als wertvoll. Bewundere ihre Arbeit, Texte, Programme und Aktionen, vielfältig, meist ehrenamtlich, analog und digital.

Gleichzeitig kann ich einen bestimmten Gedanken nicht abschütteln. Ich mag ihn selbst nicht, er kommt mir anmaßend vor. Ich spreche ihn aus, er lautet: Was für eine Verschwendung von Ressourcen. So viele linksorientierte (meist) Akademiker aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die ihre Energie darin investieren, andere linksorientierte (meist) Akademiker in gutbürgerlichen Verhältnissen über Politik und die Bedeutung von Demokratie aufzuklären.

Selbstverständlich ist das überspitzt, unfair und unangenehm formuliert. Einen Kern Wahrheit hat es dennoch. Ich sehe in meinem Alltag einige, von denen ich mir sicher bin, dass die Inhalte der Initiativen sie nicht erreichen. Dass sind nicht per se Menschen, denen demokratische Werte nichts bedeuten, prinzipielle Wahlverweigerer, gegen “die da oben”, die eine bewusste Entscheidung getroffen haben.

Ich spreche von Personen, die aufgrund von zum Beispiel Sprachbarrieren, Bildung, Alter, psychischen und gesundheitlichen Schwierigkeiten, insgesamt problematischen Lebensumständen nicht imstande sind, die Hürde “Wählen gehen” zu überwinden.

Ich spreche von Personen, denen Kapazitäten im Alltag fehlen, um sich mit politischen Themen und den Konsequenzen einer geringen Beteiligung auseinanderzusetzen. Die aufgrund von zum Beispiel Sprachbarrieren, Bildung, Alter, psychischen und gesundheitlichen Schwierigkeiten, insgesamt problematischen Lebensumständen nicht imstande sind, die Hürde “Wählen gehen” zu überwinden. Auch sie sind eine Untergruppe in der Menge der Nicht-Wähler.

Ich habe mich gefragt, ob du konkret – jemand, für den Wählen gehen nicht einmal zur Diskussion steht, immerhin liest du diesen Text – so jemanden kennst? Eine Person, eine/n Nachbar/in, eine/n Bekannte/n? Jemanden, bei dem du dir vorstellen kannst, dass es ihm schwer fällt, sich an der Wahl zu beteiligen?

Ich meide es, so gut ich kann, stereotypische Beschreibungen auszusprechen, Vorurteile gibt es ohne meinen Beitrag genug. Vielleicht hast du trotzdem jemand Konkreten im Sinn oder könntest nach so einem Menschen Ausschau halten? Wäre es nicht möglich, bis zur Wahl mit dieser Person über das “Wählen gehen” in den Dialog zu treten? Weil man sich eh sympathisch ist, zu fragen, ob sie schon darüber nachgedacht hat, wählen zu gehen? Und wenn nicht, was sie ehrlich daran hindert, es zu tun?

Sollte die Person antworten, bist du dann imstande, aufmerksam zuzuhören? Ohne sie abzuwerten oder ihr ein schlechtes Gefühl zu geben, weil sie diese Schwierigkeiten hat und nicht aus sich heraus überwindet?

Verurteilungen sind nicht das Ziel, sondern Unterstützung. Es geht ebenso wenig darum, Verantwortung für andere zu übernehmen. Geschweige denn sie von einer konkreten Partei zu überzeugen.

Verurteilungen sind nicht das Ziel, sondern Unterstützung. Es geht ebenso wenig darum, Verantwortung für andere zu übernehmen. Geschweige denn sie von einer konkreten Partei zu überzeugen. Aber wenn du offen bleibst und nachfragst, hörst du vielleicht heraus, dass diese Person sich mit den Inhalten überfordert fühlt.

Dann kannst du anbieten, dich mit ihr zusammen vor einen Wahlomat zu setzen, einige Verständnisfragen zu klären. Oder du schlägst vor, die Person an dem Tag abzuholen und im Auto zur Wahlurne hin und zurück mitzunehmen. Manchmal vergisst man, dass “normale Dinge” nicht für jeden gleich einfach sind.

Es gibt diverse Szenarien, wie die Umsetzung aussehen und warum es in der Praxis nicht funktionieren kann. In diesem Artikel stecken nicht alle Antworten, bloß ein Gedanke, den du annehmen, ein Impuls, mit dem du hoffentlich etwas anfangen kannst.

Ist es nicht einen Versuch wert? Eine Chance, im Spektrum deiner Möglichkeiten, aus einem Menschen einen Nicht-Wähler weniger zu machen? Ich sehe keinen Schaden darin, es auszuprobieren, nur ein eventuell unterschätztes Potenzial, etwas zu bewegen: Das Wahlverhalten eines Menschen zu ändern. Unserer Demokratie zuliebe.

Headerfoto: Bryan Apen on Unsplash. (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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