Abschied von der Liebe zu dir

Fliegen …
Fliegen mit Dir …Ich lehne mit dem Rücken an der Wand, sitze auf dem Boden und spüre, wie die durchdringende Kälte meinen Rücken durchströmt. Ich starre auf meinen Bildschirm und weiß nicht, wo ich anfangen soll – so viele Worte und Gefühle kreisen ohne Unterlass in meinem Kopf. Während mein Körper immer steifer zu werden scheint, läuft mir eine Träne nach der anderen übers Gesicht. Alles, woran ich denke, ist, Dich endlich zu vergessen. „Vergessen, vergessen“, sage ich mir wie ein Mantra, immer und immer wieder. Nur höre ich nicht auf, Deine warmen, weichen Hände zu fühlen. Ich fühle Dich an meinem ganzen Körper, fühle deine Lippen, Deinen Atem, der meinen Körper streichelt, sehe Deine glitzernden blauen Augen, die mich mit ihrem klaren stechenden Blick durchdringen. Dann denke ich wieder an mein Mantra: Vergessen! Und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich schaue auf die Uhr, sehe, dass inzwischen zwei Stunden vergangen sind und fühle, wie mein Körper zittert. Es durchfährt mich wie ein Blitz: Vergiss Ihn.

Tage vergehen. Kalte, dunkle Tage.

Ich krieche unter die eiskalte Decke, sehne mich nach deinem warmen, starken Körper. Meine Kehle zieht sich zusammen. Mein Kopf fühlt sich an, als fahre er Karussell, mein Körper ist betäubt, fremd. Ich wünsche mir so sehr zu fliegen, frei zu sein, dir zu vergeben. Vergeben wofür, frage ich mich. Dann tauchen wieder all die Fragen auf, die Fragen, was gewesen wäre, wenn ich nicht so gewesen wäre, wie ich war, dir nicht von all diesen Dingen erzählt hätte? Wäre dann alles anders gewesen? Wieso konnte ich es nicht dabei belassen, einfach zu gehen, nur zu gehen, ohne einen Orkan an kindischem Trotz zu hinterlassen.

Plötzlich überkommt mich das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin, es nie war und ich nur gehen kann, wenn ich einen aufrührenden Sturm hinterlasse und fliehe – fliehe vor dem Frieden mit Dir. Denn der Frieden würde mir das Fliehen, das Gehen von Dir unmöglich machen. Ich versuche zu schlucken und merke meine brennende Kehle, meine glühenden Augen, zwinge mich, die Tränen hinunter zu schlucken. Aber ich bin zu schwach – eine heiße, stechende Träne nach der anderen läuft mir das Gesicht hinunter.

Wieso konnte ich bloß nicht in Frieden gehen? Die Frage dreht sich im Kreis, doch dann ist da wieder dieses Gefühl … Ich kann nicht geliebt werden, ich tue es ja selbst nicht mal, stelle ich erschrocken fest. Vielleicht brauchte ich den Beweis, dass ich Recht hatte und du jetzt voller Hass mein Leben verlässt. Ich starre an die Decke, lausche den unerlässlich laufenden Tränen, versuche, mir wieder mein Mantra in Erinnerung zu rufen:

Vergessen, vergessen … vergiss Ihn!

Es ist 2 Uhr morgens.

Ich wache auf und hoffe, dass du neben mir liegst, mich in deinen Arm nimmst. Ich drehe mich um, bekomme Angst, weiß nicht, wo du bist und es schlägt mir kalt ins Gesicht – du bist nicht hier, du wirst nie wieder hier sein. Nie wieder werden sich unsere Körper umeinander, ineinander verlieren. Ich liege im Dunkeln und wünsche mir, dass ich Abschied von dir nehmen kann. Dass ich aufhöre, ein Gefangener meiner siechenden Sehnsucht nach dir zu sein, und dich in Frieden aus meinen Gedanken, aus meinem Sein und Körper gehen zu lassen. Die Augen schließen zu können und Dein Gesicht nicht mehr zu sehen.

Wünsche mir, mich wieder fühlen zu können – mich und nicht Dich, nicht Deine Hände, die meine Tränen wegstreichen, nicht Deinen Mund, der sanft meine Brüste streicht, Deine Zunge, die meinen Köper ertastet, mich in Euphorie versetzt, nicht Deinen Atem, der meinen Körper erbeben und mich fliegen lässt. Ich möchte mich wieder fühlen – mich und nur mich.

Ich mache die Augen auf, versuche, meine Arme und Beine zu fühlen und fühle nichts – alles ist taub, wie abgeschnitten bin ich von meinem Körper. Ich mache das Fenster auf, kalte, frische Herbstluft strömt herein und ich fühle, wie ich Gänsehaut bekomme, als strichen deine Finger über meinen Körper. Bunte Blätter fallen die Bäume hinab und alles scheint sich aufzulösen, sich zurück zu ziehen.

Und dann irgendwann, an irgendeinem Tag plötzlich.

Ich sitze hier, im Jetzt und im Augenblick. Ich erkenne, dass wir wie zwei Wege waren, die sich auf der Waldeslichtung für einen Moment getroffen haben. Gekreuzt, verschlungen, für eine kurze Zeit synchron liefen, um sich dann wieder zu verlaufen. Ich starre ins Leere. Für einen Augenblick kannte ich dich, nur damit du heute wieder ein Fremder bist. Ein Fremder …

Jemand, mit dem ich lernen durfte, was es heißt, nicht kämpfen zu müssen, nein, nicht kämpfen zu können – denn jeder Kampf scheint zwecklos. Du bist es, der mich lehrte loszulassen. Mit dir habe ich gelernt, was es heißt, Abschied zu nehmen.

Abschied von Dir.
Abschied von Uns.
Abschied von der Liebe.
Abschied von der Liebe zu Dir.

Marlene ist sportbegeisterte Freidenkerin, die öfter mal mit ihrem Größenwahnsinn aneckt. Die Ungewissheit in Person, die noch immer nicht aufgegeben hat, an die Liebe zu glauben. Miss Rastlosigkeit, die es immer wieder schafft, vor ihrem eigenen Glück zu fliehen. Aber vor allem eine naive, an das Gute glaubende Träumerin.

Headerfoto: Alexandra Baggs via Creative Commons Lizenz 2.0 (Gedankenspiel imprint added)!

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1 Comment

  • WOW! Ein wunderschöner Text. Besser konnten die Worte nicht getroffen werden. Es geht mir direkt ins Herz und spricht mir aus der Seele. Danke!

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