Abitur in der Tasche

Abitur in der Tasche, jetzt auf in die große Welt. Mindestens ein Jahr auf Reisen gehen. Südostasien, Südamerika, definitiv Neuseeland und wenn noch Zeit bleibt, und das nötige Kleingeld, quer durch die Mongolei. Das wird die Zeit meines Lebens, die Zeit alles hinter mir zu lassen, neue Menschen, Kulturen und Gebräuche kennenzulernen, um einfach zu mir selbst zu finden. Also, morgen geht’s ab in ein Reisebüro. Infos sammeln, Tipps holen und vor Aufregung schier platzen. Vielleicht hol ich mir vorher doch noch mal einen Kontoauszug, wer weiß, was da so los ist.

Mit 20 Jahren kann man alles machen. Reisen, Studieren im In- und Ausland, Familie gründen. Aber auf keinen Fall länger als 2 Semester über der Regelstudienzeit studieren. Wie dumm und faul manche Menschen einfach sein können. Und dabei noch BAföG und NRW-Bank-Kredite schnorren. Echt unglaublich! Mein Cousin war ja so einer. Erst mal schön 5 Semester BWL studieren, bis das Schmalhirn gemerkt hat: „Nää, die freie Wirtschaft ist ja eigentlich doch nichts für mich. Immer dieses Konkurrenzverhalten. Nää, nää.“ Gesagt, getan und schon schrieb sich der Freizeit-Hippie in Archäologie ein. Zwischendurch kamen noch etliche Selbstfindungs-Trips quer durch die Welt, bis der Langhaarträger genug von Schaufel und Pinsel hatte.

Was gibt’s denn noch so zum Studieren? Ach ja, Lehramt. Einfallsreich. Die Modeerscheinung der letzten Jahre, nach BWL versteht sich. 16 Fachsemester später war das dann schon geschafft und wer hätte es gedacht, der Kerl hat mit 36 Jahren das Arbeiten angefangen. Applaus! Letzte Woche kurz mit ihm telefoniert, weil die Tante Geburtstag hatte: Der Job ist doch nichts für ihn. Er könne einen Tapetenwechsel vertragen … Hohlbirne!

Also, mein Plan: Halbwegs erfolgreich studieren, und mit 26 Jahren fertig sein. Frau finden, zusammen ziehen, Baby machen, Haus kaufen, Baum pflanzen, Labrador in die Familie einführen. Bums! Spießig? Mir doch egal, ich find’s geil. So ungefähr. Keine Sorgen, keine Angst vor der Zukunft oder der Vergangenheit, keine Zweifel und keine Reue.

Knapp 10 Jahre später.

Nie wieder Bier. Mein Hirn spielt Orchester und fährt gleichzeitig Achterbahn. Erst mal die Augen aufmachen. Wo bin ich? Ah, in meinem Bett. Gut. Liegt wer neben mir? Nein. Schade! Zum Glück! Bin mir grad nicht sicher. Ab und an mal jemanden mitnehmen abends ist ja eigentlich ganz nett, wobei das alkoholgetränkte Wachwerden am Morgen meist nicht mehr ganz so schön ist. Gestern noch geschafft die Kleidung zu entledigen? Natürlich nicht. Auch Schuhe noch an? Jupp. Zähne geputzt? Hahaha, als ob. Okay, weiter. Wasser und Aspirin in der Nähe? Oh Mann. Wieso denn nicht? Handy, Portemonnaie, Schlüssel da? Ja. Immerhin. Immer die gleiche Checkliste … ganz schön bitter.

Was war gestern wieder los? Das Sammelsurium von Stempeln am Unterarm lässt Schlimmes erahnen. „Das Haus“, „Fliegenfalle“ und „Bis zum bitteren Ende“. Einschlägig bekannte Sauf-Studenten-Clubs. Nichts zahlen, viel trinken, ganz viel nicht mehr wissen. Welchen Tag haben wir heute? Mittwoch. Ach so, dann war gestern nur ein normaler Dienstag. Das Handy klingelt. 13 Uhr, Erinnerung: „14 Uhr Referat Geschichte Neuzeit“ Nach dreiminütiger Überlegung, wie ein sofortiger Suizid möglich ist, ohne viel Anstrengung und Schmerzen  meinerseits, steh ich wohl doch besser auf. Jetzt hilft nur noch eins: Finger geben, Zähne putzen, duschen, noch mal den Finger geben, noch mal Zähne putzen, Kaffee trinken, kurz innehalten, weil der Magen wieder brodelt. Okay, geht schon irgendwie. Tasche nehmen, Fahrrad holen, losfahren, bloß nicht angehalten werden. Hab ich eigentlich was vorbereitet? Ach fuck. Zwei Karteikarten mit je vier Wörtern, dafür teilweise dreimal unterstrichen, sind meine alleinige Hoffnung auf eine 4,0. Ich Idiot.

Zwei Stunden später.

Ich hab es einfach drauf, ich bin der Größte! Eine glatte 3,0 mit NULL Aufwand. Hahaha! Der optimistische Minimalist in mir gratuliert sich selbst für seine schier unfassbare Intelligenz und Redekunst. Der pessimistische Realist betont mehrfach den Notenschnitt aller Referenten in meiner Gruppe. 1,0. 1,3. 1,0. 1,5. Da ich das ungleiche Duell meiner Stimmen kenne, geh ich mit dem Minimalisten ein Kölsch trinken. Vorher bringe ich aber meine Tasche und den Realisten nach Hause.

Gegen Abend treffe ich den Miesepeter im Bett wieder. Unsere Unterhaltung ist eher ein Monolog. Alle paar Wochen hält er mir meinen Lebensstil vor, meine Unzuverlässigkeit und meine schon fast absurde Faulheit. Was soll ich sagen? Recht hat er ja. Aber wofür anstrengen, wenn das Leben auch so zu meistern ist? Nächste Woche werde ich … ich traue mich gar nicht es auszusprechen … puh …30 Jahre alt. Tja. Was ist in den letzten 10 Jahren passiert? Eine Menge. Was ist aus all den Plänen geworden, aus meinem Masterplan? Nicht viel. Ich werde 30. In 5 Tagen. 30. Kaum zu glauben, dass ich das erleben darf/muss. Wieso habe ich Angst, älter zu werden? Die 20er sind einfach noch total entspannt, alles ist erlaubt, nichts muss. Aber sobald die unwirklich aussehende 3 vor dem Alter steht, läuft es nicht mehr rund. Die Gelenke fangen an zu quietschen, das Haar wird dünner, die Augen schlechter und die Leber, ach besser nicht drüber reden. Alle meine Freunde in der Heimat sind oder werden in Kürze auch 30. Ist einer von denen genauso kurz vor dem Zusammenbrechen? Wohl nicht. Andauernd höre ich wie glücklich die sind, mit Frau und Kind, mit Haus und Hund … Spießer! Wie geht’s jetzt wohl weiter? Weitermachen wie bisher und in die wenig rühmenden Familien-Fußstapfen treten? Vielleicht sollte ich einen Crash-Kurs bei meinem Cousin belegen: „Ewig auf der Suche, nichts gefunden. Studieren für Fortfortgeschrittene“. Wie sieht mein Masterplan 2.0 aus? Naja, wir werden sehen, spätestens in zehn Jahren …

Matthias ist optimistischer Realist, ganz knapp vor der 30, sucht Ablenkungen, um sein Studium genbedingt nicht abschließen zu müssen. Ein selbstironisches Kölner Studentenleben im Schnell-Check, mit problematischem Verhalten in fast allen Bereichen.

Headerfoto: Florian Dré via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_M.

1 Comment

  • Jule sagt:

    Wie wahr :/ bis 25 hat man für alles noch super viel Zeit, dann wird man 26 und denkt „Mist, verdammt wo ist die Zeit hin?“, man wird 27…28…diese verdammte 30! Rückblende aufs Leben, verkackt! Chance auf Wiederholung? Vertan!

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