9 Tage im buddhistischen Schweigekloster – zwischen Rückenschmerzen und Glückstränen

Teil 1 dieser Erfahrungsberichts findest du hier.

Ich bin im Schweigekloster von Doi Suthep in Thailand und am ersten Tag schon hochgradig frustriert. Wie kann es sein, dass ich stundenlang Fotos bearbeiten oder vier Tage am Stück Netflix schauen kann und angesichts dieser simplen Meditations-Aufgabe schon nach 10 Minuten an meine Grenzen gelange? Die. Zeit. Will. Nicht. Vergehen. Minuten werden zu Jahren. Ich merke förmlich, wie mir graue Haare sprießen und meine Knochen versteinern. Ich bin 36 und fühle mich wie 75+.

Mein Gehirn spuckt Wortspiele aus. Humor als Waffe gegen die Stille. Der kleine Affe in meinem Kopf turnt von Synapse zu Synapse und zerrt mir ungeduldig an den Hirnwinden, weil ich ihn vernachlässige. Er braucht Aufmerksamkeit, ich ignoriere ihn. Das Spiel geht ewig. Manchmal bringt er mich zum Lachen, manchmal redet er Unfug, oft macht er mich wütend, weil er einfach nicht still sein möchte, ab und zu bin ich ihm dankbar, weil er das einzige Entertainment ist, das mir bleibt.

Sehr präsente Gefühle sind Frustration und Wut – wegen der Schmerzen, weil ich nach dem Frühstück noch immer hungrig bin, weil die Katze uns eine tote Ratte vor die Tür gelegt hat, weil jemand beim Meditieren zu laut atmet, weil mein Rücken so sehr wehtut, dass ich womöglich vom Kloster sofort ins Krankenhaus muss.

Die Schmerzen sind unerträglich, es gibt keine Sitzposition, die das lindern kann, nur die Geh-Intervalle schaffen etwas Abhilfe. Abends mache ich heimlich ausgleichende Yoga- und Dehnübungen, nachts schlafe ich auf der harten Matratze wie ein Stein, am nächsten Morgen ist alles in Ordnung, mit der ersten Sitzmeditation sind auch die Schmerzen zurück.

Außerdem nagt eine ständige Müdigkeit an mir; zumindest immer dann, wenn ich meine Augen schließe. Sekundenschlaf, Monkey Mind und Rückenschmerzen vermiesen mir jedwede Meditationserfolge. Ich kämpfe gegen mich selbst – nicht subtil und unter einer Schicht von Arbeit und Ablenkung, sondern Frau gegen Frau, frontal gegeneinander, immer mitten in die Fresse rein. Was für eine krasse Bitch. Also die. Also ich. Was war hier mit Pazifismus? Drauf geschissen! Drauf geschossen!

Was für eine krasse Bitch. Was war hier mit Pazifismus? Drauf geschissen! Drauf geschossen!

Abends chanten wir gemeinsam mit allen Meditierenden. Am ersten Tag hänge ich verzweifelt über den vielen dicht beschriebenen Seiten des Skripts und nuschele 45 Minuten lang irgendwas mit, in der tiefen Überzeugung, dass es unmöglich sei, die eintönigen Melodien und kilometerlangen fremden Pali-Worte jemals irgendwie zu fassen zu kriegen. Zwischendurch verbeugen wir uns wie immer ausgiebig, wechseln in der Sitzchoreografie vom japanischen in den Schneider-, dann den seitlichen und am Ende wieder den japanischen Sitz.

Spoiler: Am Ende der Zeit werde ich lauter mitsingen als nötig und die größten Hits direkt mit zurück nach Deutschland bringen, wo sie auf Endlos-Repeat ihre Bahnen in meinen Ohren ziehen werden. Etwas Ähnliches findet ihr in diesem Video.

Am Nachmittag des fünften Tages passiert etwas. Nach einem Spaziergang durch den Wald sitze ich auf der Terrasse der Meditationshalle und habe die ersten zehn Minuten meiner Meditation normal kacke absolviert, also müde, abgelenkt und schmerzbegleitet. Und dann kippt ein fetter Schalter, irgendwas in mir lässt los, der Krampf in meinem Rücken löst sich, ich fühle mich frei, die Endorphine übernehmen, die milde Sonne in meinem Gesicht und das tropische Vogelgezwitscher in meinen Ohren tun ihr Übriges.

Als der Timer nach 25 Minuten bimmelt, hatte ich schon ganz vergessen, dass ich meditiere, so tief war ich in mir. Ich muss mich nicht mühsam und in Zeitlupe aus meiner Position befreien, ich sitze einfach noch eine Runde weiter so rum, weil ich kann. Ich kann ab sofort eh alles, beschließe ich. Mindestens meditieren bis in alle Ewigkeit. Übermannt von Glückstränen und dem Gedanken, SOFORT jemandem davon zu erzählen zu MÜSSEN, stehe ich auf und beginne mit dem nächsten Intervall Gehmeditation.

Übermannt von Glückstränen und dem Gedanken, SOFORT jemandem davon zu erzählen zu MÜSSEN, stehe ich auf und beginne mit dem nächsten Intervall Gehmeditation.

Am nächsten Tag sitze ich endlich vor meinem Lehrer und kann es nach meinem Verbeugen kaum erwarten, seine Frage nach meinem Befinden mit einem euphorischen „The pain is gone!“ zu beantworten. Ich würde ihn am liebsten umarmen. Er hat mir gesagt, alles würde gut und er hatte Recht und ich hab in meiner Wirbelsäule den eindeutigen Beweis dafür, dass ich ziemlich viel überwinden kann! Auf meinem Grabstein wird womöglich stehen: „Hier ruht Juliane, erleuchtet und schmerzbefreit bis in alle Ewigkeit.“

Mein Lehrer schiebt sein oranges Gewand zurecht und sagt nüchtern: „Pain, no pain – it no matter.“ Mit diesem Satz holt er mich mit sofortiger Wirkung von meiner Motivationswolke auf den Klosterteppich zurück. Ja, okay, wenn ich Schmerz und Frust dauerhaft loslassen möchte, dann sollte ich mich weder darüber ärgern, dass sie da sind, noch darüber freuen, dass sie weg sind. Es ist egal. Alles ist im Fluss, nichts hat Bestand, morgen ist es vielleicht wieder beim Alten, ich ruhe in mir, was gehen mich meine Wehwehchen an.

Jeden Tag reisen Menschen ab und neue dafür an – es gibt keine festen Kurstermine, auch im Klosterkalender ist alles im Fluss. Viele bleiben für 21 Tage, manche nur für 4 – ganz nach Zeit und Laune. Die Mitmeditierenden benenne ich in meinem Kopf: die Italienerin, die Mutti, der Religionslehrer, der Chinese, der Türsteher, die Russin, die Teenagerin, der Japaner. Ich blicke in motivierte Gesichter bei der Ankunft.

Bei manchen kann ich den mentalen Verfall von Tag zu Tag in Realtime an Körperhaltung und Gesichtsausdruck ablesen.

Bei manchen kann ich den mentalen Verfall von Tag zu Tag in Realtime an Körperhaltung und Gesichtsausdruck ablesen – die Augenringe werden tiefer, die Frisuren struppiger, die Mundwinkel und Schultern hängender, die Blicke verzweifelter, der Trotz präsenter, die Lustlosigkeit lauter. Die meisten Neuankömmlinge steigen durch dieses Tal, kommen am anderen Ende aber auch lächelnd und einigermaßen stabil wieder raus. Wahnsinn, was man orten kann, ohne zu sprechen.

Wobei, ab und zu spreche ich ein wenig mit anderen, zum Beispiel wenn der eine Mönch uns mit nach oben in den goldenen Tempel nimmt und unsere Fragen über das Mönchsein beantwortet. (Darfst du Frauen anfassen? Mit ihnen reden? Fremde bei Facebook adden? Was isst du? Was besitzt du? Wie viel schläfst du? Kennst du Justin Bieber?) Oder wenn mein Reisepartner und ich spazieren. Zu schweigen, wenn niemand es kontrolliert und nicht alle es ganz so ernst nehmen, ist richtig hart. Sogar für mich, die ich normalerweise sehr gerne schweige.

Die Schmerzen kommen in den nächsten Tagen nicht wieder, der Sekundenschlaf bleibt auch weiterhin ein Problem, aber ein okayes. Was hinter dem körperlichen Schmerz nun allerdings vermehrt auf mich wartet, ist die Langeweile. Ich erfreue mich noch immer am schweigend und in Zeitlupe konsumierten Essen, an der Natur, an den Tieren, am leeren Tempel im Mondschein, nur das Meditieren in diesem sterilen Raum langweilt mich. Und das wiederum nervt mich.

Am Ende der Zeit habe ich keine tiefen Erkenntnisse gesammelt, keine göttliche Präsenz vernommen, keine Probleme gelöst und doch hat sich etwas verändert.

Am Ende der Zeit habe ich keine tiefen Erkenntnisse gesammelt, keine göttliche Präsenz vernommen, keine Probleme gelöst und doch hat sich etwas verändert. Ich habe eine körperliche und mentale Herausforderung gemeistert, ich war neun Tage (fast) nur mit mir selbst zusammen und meine Gesellschaft gefiel mir, außerdem merke ich auch noch Wochen später, wie nachhaltig dankbar ich für diese Erfahrung bin und wie viel klarer ich Dinge in meinem Leben sehen kann, die ich verändern möchte. Nun ist es an mir, diese Energie zu nutzen.

Ich nehme Schätze mit nach Hause – ein weißes Band mit einem Knoten, das mir einer der Mönche gegeben hat, ein Stück Papier, auf dem die Facebook-Adresse unseres Büro-Mönchs geschrieben steht, eine getrocknete Blüte des Baumes, unter dem wir oft gesessen haben, eine kleine, goldene Metall-Statue aus dem Tempel-Shop und dann natürlich all die Erinnerungen an einen Ort, der mir im Nachhinein vorkommt wie das letzte Paradies auf Erden – einen Ort, an den ich mich in den nächsten Wochen oft hin zurück wünschen werde.

Aber wie unser Lehrer immer so schön sagte: „Lesss it go.“

Mehr Infos zum absolut empfehlenswerten Kloster Wat Doi Suthep in Chiang Mai, Thailand, findest du hier. Die Kurse sind zeitlich flexibel (zwischen 4 und 21 Tage), auf Englisch und kostenlos, um Spenden wird aber gebeten. Jeder bekommt ein Einzelzimmer, die Verpflegung ist vegetarisch. Mehr über die Vipassana-Meditation kannst du zum Beispiel hier erfahren. Namaste!

JULE ist Gründerin von im gegenteil, Head of Love und (wieder) Single. Jule schreibt und fotografiert und hat auch mal ein Buch geschrieben. Mit richtigen Seiten! Bei im gegenteil kümmert sie sich hauptsächlich um Optik, Redaktionelles und Steuererklärungen. In ihrer Freizeit isst sie Schokolade, sortiert Dinge nach Farben und trägt gern Zebraprint. Wer kann, der kann.

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