Sebastian | 31 | Berlin

„Zahlen sind dafür da, die Unendlichkeit in ertragbare Stücke zu teilen.“

Sebastian begrüßt uns mit einer herzlichen Umarmung und entschuldigt sich dabei gleichzeitig für das kreative Chaos in seiner Wohnung. Er sei erst vor drei Wochen mit seinem besten Freund eingezogen und deshalb läge hier und da noch das ein oder andere Werkzeug rum. Aber uns deshalb absagen? Nein, niemals! Dafür hat er sich viel zu sehr darauf gefreut. Also nehmen wir Platz zwischen Schraubenziehern, mit Rotweinhefe lasiertem Kiefernholz und den zukünftigen Küchenschrankknäufen und unterhalten uns über Sebastians Kindheit in Bodelshausen. Danach wissen wir: In dieser schnuckligen Gemeinde gibt es Bäume. Grüne Bäume. Eine wahre Perle für Käfer und Birkenrinde, aber nicht für einen Heranwachsenden. „Ich ging raus und kam irgendwann wieder“, sagt Sebastian zu uns. Die erste Zigarette gab es deshalb auf der Halfpipe, denn um vor Langeweile nicht durchzudrehen, hat Sebastian fabulös das Skateboard erobert. Er hatte schon immer seinen eigenen Kopf und hat sich durch niemanden bremsen lassen. Vor allem nicht, seitdem er auf Rollen stand. Hihi. Mit dem Schulwechsel aufs Gymnasium hat Sebastian seinen jetzigen besten Freund kennengelernt. Zwanzig Jahre verbringen sie schon gemeinsam und aus dem ehemaligen Skater wurde ein leidenschaftlicher Schlagzeuger.

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Unglaublich schön, denken wir, wenn man eine Freundschaft so lange und so intensiv erleben darf. Die Musikleidenschaft teilen die beiden Männer bis heute und gemeinsam haben sie auch das Abitur überlebt, obwohl Sebastian sich nie mit dem Schulsystem identifizieren konnte. Der Lockenkopf benötigte einfach etwas Abstand vom gehirnzellenminimierenden Frontalunterricht und entschloss sich, seinen Zivi in der Psychiatrie zu machen. Und was sollen wir sagen? Es gefiel ihm. Also gab es im Anschluss eine Ausbildung zur Krankenschwester. Nein, wir haben nicht falsch gegendert! Sebastian bezeichnet sich selbst als Schwester und nicht als Krankenpfleger, denn das Wort sei einfach schöner. Das gibt so etwas Vertrautes und jeder hat doch gerne eine Schwester oder nicht? Vor drei Jahren lag Sebastian dann selbst als Notfall auf dem OP-Tisch. Und zwar in so einer kritischen Lage, dass er den Ärzten fast verreckte. Seitdem weiß er, was man absolut nicht machen darf: Wie ein Beuteltier seine Glasflasche in der Jackentasche transportieren! Wenn die sich dann durch eine kurze Konfrontation mit einem Poller in die Bauchdecke bohrt, hast du schneller keine Milz mehr, als du „Aua“ sagen kannst! Drama, Baby! Das hat so einiges in Sebastian ausgelöst – viele Grundsatzfragen und den Wunsch, der Spießigkeit zu entfliehen. Und wo kann man da besser hinziehen als nach Berlin? Gesagt, getan, gepackt. In seinem Bewerbungsgespräch im medizinischen Bereich sagte Sebastian direkt: „Ich funktioniere nicht überall, aber da wo ich reinpasse, passe ich ziemlich gut.“ Mit dieser ehrlichen und offenen Art hatte er den Job sofort im Jutebeutel. Seitdem hat Sebastian viele Menschen sterben sehen. Trotzdem möchte er mit niemandem tauschen. Er liebt seinen Beruf und wenn man nicht eine gewisse Distanz bewahren kann, dann ist man falsch dort. „Am Ende des Tages ist auch die Krankenschwester nur eine Rolle, die du ausfüllst“, meinte er zu uns. Recht hat der Mann und dennoch ist es bewundernswert, mit was für einer Hingabe und Empathie er von seinen Patienten berichtet. Auch das frühe Aufstehen macht ihm nichts aus. Wenn der Wecker um 4:30h klingelt, dann läuft der Laden!

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Sebastian ist zuverlässig und sagt, wenn es ihm gut gehen soll, dann muss es auch seinem Umfeld gut gehen. Dafür wollen wir ihn glatt noch einmal umarmen! Während er uns auf seinem Plattenspieler eine Runde METZ vorspielt, tanzt er durchs Wohnzimmer und trommelt anschließend mit den Fingern auf seinem Schlagzeughocker. Sebastians Leidenschaft zum Perkussivem ist wirklich nicht zu überhören. Wir haben selten jemanden erlebt, der gleichzeitig solch eine Energie versprüht und so etwas Beruhigendes ausstrahlt. Sebastian hat einfach ein gutes Gespür für seinen eigenen Körper und muss sich viel bewegen, sei es mit den Sticks auf seinem Kit oder joggend auf dem Tempelhofer Feld. Am Wochenende bevorzugt er das Berghain, denn das scheppert so schön und nach der Nachtschicht wird dort getanzt. Lang. Sehr lang. Bis der Magen knurrt und Sebastian glücklich in einen Burrito beißt. Den liebt er mindestens genauso wie sein Müsli mit Granatapfel am Morgen. Aufgepasst Boys and Girls, das ist übrigens Sebastians Inselbegabung. Den Granatapfel so schälen, dass möglichst viele, rote Perlen ganz bleiben. Isso. Nur handwerklich ist er keine Koryphäe und auch sein Ordnungssinn ist nicht all zu sehr ausgeprägt. Dafür kann man von Sebastian lernen, wie man durch seine Atmung ein besseres Rhythmusgefühl bekommt oder dass jede Zahl seinen eigenen Charakter hat. Für Sebastian sind Zahlen dafür da, um die Unendlichkeit in ertragbare Stücke zu teilen. Was das für ihn wiederum mit Musik zu tun hat, dass lasst ihr euch am besten selbst erklären, denn das kann Sebastian viel besser als wir. Der 31-Jährige steht eben auf Symbolik. Das kann man auch an seinem Körper bewundern, dort befinden sich nicht nur drei Streifen, als Symbol der Stabilität, sondern auch ein Blitz für Impulsivität, ein Blumentopf auf der Handinnenfläche oder Schlagzeugstöcke. Und wir versprechen euch, es gibt noch viel mehr zu entdecken.

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Glücklicherweise hat Sebastian eine Schwäche für beide Geschlechter. Allerdings solltest du als Typ nicht zu den betont maskulinen Männern gehören und mit deiner eigenen Feminität umgehen können. Und neugierig solltest du sein. Auf Sebastian, auf andere Lebensentwürfe und das Leben. Denn das ist Sebastian selbst auch immer. Aber ganz ehrlich, wie sollte man auf diesen lässigen Mann denn bitteschön nicht neugierig sein? Eben!

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